12.09.2011
Friedberg: Gedenkgottesdienst zum 11. September 2001


Komponist Paul Engel leiht dem "Schrei der gequälten Seele" seine StimmeFRIEDBERG: Trommeln erklingen dumpf, plötzlich ertönt ein Schrei, erobert sich laut und quälend der Raum der  Friedberger Stadtkirche: Zum Gedenkgottesdienst 10 Jahre nach dem Einsturz des Word Trade Centers in der Friedberger Stadtkirche hat der Komponist Paul Engel dem „Schrei der gequälten Seele“ Ausdruck verliehen. Trompeten und Posaunen setzen ein, unruhige, schräge Klänge.  Engels Komposition „ in memoriam 11.09.2011“, am Sonntag vom Blechbläserensemble „Contrapuctus“ unter Leitung von Kantor Uwe Krause uraufgeführt, hat nichts von getragener Kirchenmusik, die dem Gottesdienstbesucher  am Sonntagmorgen Ruhe und Gelassenheit vermitteln will.
Der Komponist aus Usingen begründet das: „Manchmal braucht das Leiden der Menschen auch den physischen Ausdruck des Wehklagens.“ Am 11. September 2011 müssen die Kirchenbesucher das Dissonante aushalten.

So haben wohl auch viele den Tag des 11. September 2001 in Erinnerung: als einen Tag, der kaum auszuhalten war.  Bilder, die sich ins Gedächtnis gebrannt haben. Und Fragen. Nach Ursachen, Schuld und Rache. Nach dem Umgang mit Gewalt und Gewalttätern.

Pfarrerin Susanne Domnick begann den Gottesdienst mit einer ungewöhnlichen Perspektive „Was wäre wohl aus unserer Welt geworden, wenn der amerikanische Präsident, der sich als Christ versteht, am 11. September 2001 auf die Knie gefallen wäre und das Vaterunser gebetet hätte?“ Zehn Jahre nach dem Anschlag auf die New Yorker Zwillingstürme  fragte die Pfarrerin, was eine solche Geste wohl für den Lauf der Weltgeschichte bewirkt hätte und bekräftigte:  „Wir fühlen uns verbunden mit Menschen aller Denominationen, Religionen und Kulturen“. 


Imam Adem Duru betet die 1. Sure des KoranZum Gottesdienst eingeladen war darum auch der Friedberger  Imam Adem Duru.  Er stimmte die 1. Sure des Korans an, in der es heißt, dass Gott allen Stämmen und Nationen Land gegeben habe, „auf dass wir einander kennen mögen, nicht um einander Verachtung zu strafen.“

Stadtbrandinspektor Michael Stotz, mit dem auch zahlreiche Feuerwehrleute zum Gottesdienst erschienen waren, warf einen Blick zurück auf die Ereignisse in Friedberg vor zehn Jahren. Die Nachricht vom Anschlag in New York hatte die Friedberger Feuerwehrleute während einer Ausbildungsveranstaltung in unmittelbarer Nähe der amerikanischen Kasernen erreicht. Deutlich sei für alle geworden: „Im Extremfall setzen wir unsere Gesundheit aufs Spiel um anderen zu helfen“ – ein Gedanke, der alle verbunden und neue Nähe geschaffen habe.  Stotz erinnerte auch an den Gedenkgottesdienst am 21.09.2001 und den anschließenden Schweigemarsch der Feuerwehrleute durch die Friedberger Kaiserstraße.

Die Predigt , die Dekan Jörg-Michael Schlösser im Wechsel mit Pfarrerin Domnick hielt, betrachtete die Ereignisse des 11. September von zwei biblischen Bildern aus: dem Turmbau zu Babel und den Verheißungen des Jesaja. Die Türme Babylons, führte Schlösser aus, stünden seit Jahrtausenden für  menschliche Überheblichkeit, die keinen Menschen und keinen Gott über sich anerkennen wolle. Menschen forschten an Atom und Genom und müssten doch gerade in diesen Bereichen immer wieder ihre Begrenztheit erfahren.  Darum, so folgerte Schlösser, werde das Überlebenskriterium der Menschheit immer ihre  Bescheidenheit sein.  „Wo Menschen nicht in Demut mit sich und ihren Leistungen umgehen, wird das Böse in uns siegen.“ In der Frage nach Schuld und Sünde warnte Schlösser vor Vereinfachung als Ursache aller Gewalt. “Das Böse“ werde möglich in der Welt, weil es in jedem von uns lauere. Die Bibel spreche dazu klare Worte: „Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge?“ (Matthäus, Kap. 7, Vers 3)

Pfrin. Carmen Berger-Zell und Stadtbrandinspektor Michael Stotz sprechen das FürbittengebetDemut und das Bewusstsein eigener Schuld ließen sich dem Bösen entgegen setzen. Und die, so Schlösser, „für mich existentielle biblische Aussage“, dass Gott gegen Lebensfeindlichkeit und Zerstörung stehe. Pfarrerin Domnick sprach vom Glauben an „Gottes Reich mitten im Leben“. Was dessen Anbruch bedeuten könnte, brachte die Friedberger Pfarrerin in gewohnter Deutlichkeit auf den Punkt: „Ich bin überzeugt, dass es ein Ende haben wird damit, dass unsere deutschen Waffenexporte uns reich machen und überall auf der Welt Leben zerstören.“

Gegen das Böse stehe die Vision des Friedens,  so wie es der Prophet Jesaja in der Bibel beschreibt: Der Libanon wird ein blühendes Land, die Tyrannen haben ein Ende, die Armen werden wieder fröhlich, die Irrenden nehmen Verstand an und selbst die ewig Murrenden lassen sich belehren.
Im Wechsel mit der Lesung des Jesaja-Textes sprachen Notfallseelsorgerin Carmen Berger-Zell und Michael Stotz das Fürbittengebet. Sie baten um Mut und Hoffnung, auch mit kleinen Möglichkeiten zum Frieden beizutragen, und um Gerechtigkeit und Freiheit für die Menschen in Deutschland, wie auch in den anderen Teilen der Welt.



 „Verleih uns Frieden gnädiglich“ sang die Gemeinde als letztes Lied. Der Klang dieser Worte mag die Gottesdienstbesucher an diesem Tag noch lange begleitet haben.

ra