FRIEDBERG: Bereits zum siebten Mal luden das Evangelische Dekanat Wetterau und die Friedberger Kirchengemeinde am vergangenen Montag zum Reformationsfest ein. Trotz des Wochentagstermins war das Gotteshaus dicht besetzt bis in die Seitenschiffe, der 31. Oktober in Friedberg ist mittlerweile für Besucher aus der ganzen Wetterau ein fester Termin im Kalender. Auch zahlreiche Politiker nutzen regelmäßig die Gelegenheit, den Dialog mit der Evangelischen Kirche in der Region zu pflegen.
Buchstäblich „mit Pauken und Trompeten“ wurde der Gottesdienst vom Dekanatsbläserensemble Contrapunctus eröffnet. Unter Leitung von Kantor Uwe Krause spielte es als Uraufführung eine kraftvoll-festliche Interpretation des Lutherliedes „Ein feste Burg ist unser Gott“ von Jörg Strodthoff, einem zeitgenössischen Kirchenmusiker aus Berlin.
„Gerecht und Sünder zugleich“ war der Gottesdienst überschrieben. , Pfarrerin Claudia Ginkel nannte in ihren Eingangsworten diese Formulierung des Apostels Paulus aus dem Römerbrief „die entscheidende Entdeckung Luthers“ und übersetzte die Worte in modernes Deutsch: Dass Menschen Sünder seien und doch von Gott gerecht gesprochen bedeute, dass wir trotz unserer Fehler von Gott geliebt seien, „dass Gott uns nicht aufgibt, auch wenn wir zum wiederholten Mal etwas verbockt haben“.
Diese Erkenntnis, so Dekan Jörg-Michael Schlösser in der anschließenden Predigt, müsse Luther „unwahrscheinlich befreit“ haben. Gleichzeitig stand Luther damit quer zur Lehre der katholischen Kirche. Denn für ihn geschieht diese Befreiung einzig durch die Liebe Gottes, nicht durch gute Werke, nicht durch Vermittlung der Heiligen und nicht durch die Autorität der Kirche oder eines Bischofs oder Kardinals. Aus diesem Gedanken folgte, wie Schlösser er formulierte, „dass niemand einer Christin oder einem Christen die Aufgabe abnehmen kann sein oder ihr Verhältnis zu Gott in Ordnung zu bringen.“ Darum hätten persönliche Umkehr und Buße in Luthers Gedanken eine zentrale Stellung. Dies gelte aber nicht nur für das Leben des Einzelnen – Bitte um Vergebung und Eingeständnis von Schuld seien auch im öffentlichen Leben wichtig.
Als ein herausragendes B
eispiel für den Umgang mit Schuld und Buße nannte Schlösser das Verhältnis der Kirche zur Verfolgung und Tötung der Juden unter den Nationalsozialisten. Im „Stuttgarter Schuldbekenntnis“ hat die Evangelische Kirche im Oktober 1945 diese Schuld bekannt: „Wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“
Diese Worte treffen auch heute noch. Schlösser sprach von den auch in der Wetterau auftauchenden neuen Nationalsozialisten, aber ebenso vom Umgang mit Gewalt allgemein, von der Vernichtung von Arbeit und Existenzmöglichkeiten in unserem Land, von Ausbeutung, Krieg, Hunger und Unterdrückung in aller Welt. „Wenn wir dem nicht begegnen, verleugnen wir unseren Glauben und seine reformatorischen Wurzeln.“
(Hier finden sie den vollständigen Text der Predigt.)
„Gerecht und Sünder zugleich“ lautete auch das Motto der Reformationskanate von Jörg Strodthoff. Hier durften neben den Bläsern auch die Dekanatskantoreien aus Friedberg und Butzbach zeigen, was sie können. Solist war der Bariton Matthias Horn, Kantor Ulrich Seeger dirigierte, die Orgel spielteChristof Becker, am Schlagwerk war Lucas Dillmann.
Festredner Hans-Dieter Hillmoth eröffnete seine Ansprache im Anschluss an den Gottesdienst mit einem charmanten Dank „für das tolle Kirchenkonzert“.
Hillmoth ist Geschäftsführer und Programmdirektor von Radio FFH. Für den Katholiken aus Westfalen war es der erste Besuch eines Reformationsgottesdienstes. Als Radiomann, der seit der Gründung von Radio FFAH dabei ist, zog er Parallelen von Luthers Wirkung, die ohne die fast zeitgleiche Erfindung des Buchdrucks nicht vorstellbar sei, zur heutigen Zeit. Luther als Medienmönch?
Hillmoth entwarf das Bild eines modernen Luther als Prediger in der Friedberger Stadtkirche: Fünf Radioübertragungswagen stünden vor der Tür, Fotografen und Kamerateams drängten sich vor der Kanzel. Natürlich würde über die Predigt getwittert und auf Facebook Meldungen eingestellt. Vor allem aber wären die Fragen andere: „Wie sieht er denn aus? Sieht er gestresst aus? Hat er eine neue Frisur? Wie nimmt das Publikum seine Rede auf?“ Blitzschnell wäre die Nachricht in Rom, wo sich die Prälaten durchs Netz zappten. Zu Luthers Zeit habe es immerhin noch acht Monate gedauert, bis der rebellische Mönch beim Papst einbestellt worden sei.
In der Frage, ob die neuen Medien Fluch oder Segen seien, entscheidet sich der Medienmensch Hillmoth erwartungsgemäß für „Segen“. Wichtig sei jedoch, die „Fähigkeit zur Einordnung“ schon mit Jugendlichen einzuüben angesichts einer Überfülle an Informationen.
Hillmoth beobachtet aber auch ein steigendes Bedürfnis nach Nähe, Heimat und greifbaren Erfahrungen. Von rund 25.000 Radioprogrammen weltweit würden zu 95 Prozent die Sender aus der nahen Umgebung genutzt.
Hillmoth riet, die neuen Medien zu nutzen – doch gleichzeitig auf Nähe zu achten, auf den Zusammenhalt mit Familie und Freunden. Auch die Kirche sei ein Fundament unseres Lebens – „465 Jahre nach Luthers Tod wichtiger als je zuvor“.